Interview mit Andrea Burri, Schweizer Sexualforscherin zum Tag der Bisexualität

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Andrea Burri, was bedeutet Bisexualität eigentlich?

In der heutigen Zeit beschreibt die Bisexualität eine sexuelle Orientierung, bei der man sich sowohl zu Frauen, als auch zu Männern (respektive zu mehr als einem Geschlecht) emotional oder sexuell hingezogen fühlt.

 Ein knappes Drittel der Schweizer C-Date-Userinnen und 16 Prozent der User geben an, schon mal Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht gemacht oder mindestens schon mal davon geträumt zu haben. Sind dies alles “verkappte” Bisexuelle?

Ich denke, es ist sehr typisch für das Denken des Menschen, Tatsachen, Vorkommnisse, Situationen und Eigenschaften in entsprechende Kategorien einzuordnen. Einmal eine Erfahrung mit dem gleichen Geschlecht gemacht und schon ist man “bisexuell” – schon muss also ein Label aufgedrückt werden. Wichtig zu verstehen bei der sexuellen Orientierung ist, dass es wie bei vielen Dingen auch hier kein Schwarz oder Weiß gibt und die Natur selten getrennte Kategorien aufweist. Dementsprechend sollte die sexuelle Orientierung als fluides Kontinuum angesehen werden. Fluide deswegen, weil es auch über die Lebensspanne hinweg zu Veränderungen kommen kann. Außerdem ist es Sache der Person für sich zu entscheiden, wie sie sich bezüglich sexueller Orientierung einordnet. Ich kenne viele Frauen, die regelmäßig Sex mit anderen Frauen haben und sich dennoch weder als homosexuell noch als bisexuell bezeichnen würden.

 Prominente Frauen, die mit einem Mann liiert waren, zeigen sich verliebt mit einer Frau. Ist das eine “Masche”, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, oder sind diese tatsächlich bisexuell?

Auch hier, was bedeutet “tatsächlich” bisexuell? Wenn ich einen Tag kein Fleisch esse, macht mich das auch nicht gleich zum Vegetarier. Aber klar, Sex sells und sorgt für Aufmerksamkeit. Aber ob dies als Masche benutzt wird, wissen die Betroffenen selber, darüber würde ich mir kein Urteil erlauben wollen.

 Bisexuelle Frauen scheinen salonfähiger zu sein als bisexuelle Männer. Warum ist das so?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Es gibt nur prozentual gesehen viel mehr Frauen, die sich als bisexuell bezeichnen oder in ihrem Leben schon mal homosexuelle Erfahrungen gemacht haben. Die sexuelle Orientierung scheint – und das wurde durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt – bei der Frau fluider und normalverteilter zu sein als beim Mann, bei dem sich hier eher ein bimodales Muster zeigt (also entweder homosexuell oder heterosexuell aber selten irgendwo dazwischen).

 Können Bisexuelle eine “normale” Beziehung haben oder fehlt da immer “das andere”?

Mit dem Begriff “normal” kann ich generell nicht viel anfangen. Was ist denn bitteschön eine normale heterosexuelle Beziehung? Ob bei einer monogamen heterosexuellen oder homosexuellen Beziehung emotional oder sexuell was fehlt, und inwiefern eine solche Beziehung die Person gänzlich zu erfüllen mag, ist von Person zu Person verschieden. Auch hier kenne ich viele, welche überhaupt kein Problem haben, sich einem Partner/einem Geschlecht hinzugeben ohne das Gefühl zu haben, dass ihnen dabei was fehlt. Außerdem, wenn man bedenkt, dass bei heterosexuellen Paaren je nach Stichprobe rund 15-20% untreu sind, lässt sich vermuten, dass auch dort etwas “fehlt” – unabhängig von der sexuellen Orientierung.

(Bild: Youtube, Text: Pressemitteilung)