Buch-News: Ein verhängnisvoller Auftrag
In ihrem Roman "Ein verhängnisvoller Auftrag - Meisterspionin Mary Quinn I" setzt Y.S. Lee ihre Heldin Mary Quinn auf die Spur eines Kunstschatz-Schmugglers an. Doch bei den Recherchen, kommt einiges ans Licht, mit dem Mary nicht gerechnet hat.
Inhalt
Ironie des Schicksals? Ausgerechnet Mary Quinn, als verurteilte Diebin nur knapp dem Tod durch den Strang entronnen, soll ihrem Vaterland als Spionin dienen. Aber die Fähigkeiten, die die nun 17-Jährige als Waisenkind zum Überleben gebraucht hat, stehen auch einer Spionin nicht schlecht zu Gesicht. Und so kommt sie, als Gesellschafterin für die gleichaltrige Angelica getarnt, in den Haushalt der reichen Familie Thorold. Denn Mr Thorold steht im Verdacht, Kunstschätze aus Fernost nach England zu schmuggeln. Ihre Nachforschungen führen Mary in einen Schrank - und dort in die Arme des jungen und geheimnisvollen James Easton -, in das London chinesischer Matrosen und nicht zuletzt in ihre eigene Vergangenheit.
Die Autorin
Y. S. Lee wurde in Singapur geboren und ist in Kanada aufgewachsen. Recherchen für ihr Studium über das viktorianische England inspirierten sie zu den Romanen über die ›Meisterspionin Mary Quinn‹. Y. S. Lee lebt heute gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Kingston, Ontario.Y. S.
Leseprobe
Sie hätte lieber dem Richter zuhören sollen. Stattdessen war Marys Aufmerksamkeit auf die Fliegen gerichtet, die ihr auf der Anklagebank um die Beine surrten, angezogen von der abgestandenen Urinpfütze zu ihren Füßen. Die nicht von ihr stammte. Irgendein armer Teufel hatte wohl in einer Verhandlung früher am Tag die Kontrolle über seine Blase verloren, aber die Pfütze würde bleiben, bis … tja, zumindest, bis ihr Fall längst abgeschlossen war. Seltsam, wie ihre Gedanken so abschweiften. In der Hitze des späten Nachmittags war das Summen der Fliegen das Geräusch, das sie am deutlichsten wahrnahm. Die näselnde Stimme des Richters kam wie aus weiter Ferne, von noch weiter weg als das anhaltende Gegacker eines Zuschauers auf der Tribüne. Wenn sie die Augen auf bestimmte Weise zusammenkniff, konnte sie einen Heiligenschein sehen – wirr zerzaustes silbergraues Haar. War er verrückt? Oder nur erleichtert, dass da auf der Anklagebank jemand anderes saß? Der Staatsanwalt – entstellt von seiner Perücke, aus der bei jeder Bewegung seines Halses weißer Puder stäubte – hatte sich an ihrem Fall regelrecht ergötzt. Er hatte ihre Jugend betont: »Wie unglaublich verderbt muss eine so junge Person sein, die den Weg des Verbrechens bereits so weit und so rasch durchschritten hat …?«, und auf ihr gefährliches Aussehen angespielt: »Solch pechschwarzes Haar ist Zeichen einer pechschwarzen Seele. Solch Übel sollte im Keime erstickt werden.« Und mit diesem Allgemeinplatz drückte er aus, dass man sie hängen sollte.