Die Bestimmung – Insurgent: Filmkritik

Die Handlung von Die Bestimmung – Insurgent beginnt drei Tage nach den Geschehnissen von Divergent. In letzter Sekunde konnten Tris (Shailene Woodley) und Four (Theo James) die finsteren Pläne von Jeanine (Kate Winslet) durchkreuzen und sind nun auf der Flucht. Deutete das Ende des ersten Teils noch an, dass man sich jenseits der Zäune des abgeriegelten Chicagos niederlassen werde, setzt die Handlung nun mit den Protagonisten ein, die bei der Kaste der Amity Unterschlupf gefunden haben.

Der vermeintliche Frieden hält jedoch nicht lange an. Als Jeanine dahinterkommt, dass sie ein mysteriöses Artefakt nur mit Hilfe einer Abweichenden, einer „Divergent“, öffnen kann, wird die Jagd auf Tris und Four weiter intensiviert.

Divergent kann man das nun nicht nennen…

Wer auf leo.org oder anderen Online-Wörterbüchern „Divergent“ nachschlägt, bekommt als erstes „abweichend“ als Übersetzung angeboten. Das ist ebenso zutreffend wie ironisch, denn dieser Film weicht so wenig von anderen Young-Adult-Dystopie Umsetzungen ab, wie das Profil einer Zitrone verglichen mit dem einer Limette.

Wer sich auf das Spielchen einlässt, sich bei jedem Genreklischee einen Schluck Schnaps zu gönnen, wird nicht nur mehr Spaß mit dem Film haben, sondern das Kino genauso verlassen wie Sasha Grey die meisten ihrer frühen Filmsets: Auf allen Vieren.

Hier haben wir wirklich alles dabei: „Heldin schneidet sich selbst eine (perfekt frisierte) Kurzhaarfrisur, um den Einschnitt in ihrem Leben zu symbolisieren“? Check! „Freunde werden zu Feinden und andersrum“? Check! „Die Auserwählte!“? Check! „Held steht auf offenem Gelände und kann von Kugeln nicht getroffen werden, während er selber alles niedermäht“? Check! „Heldin hält jemanden an einem Abgrund mit nur einer Hand fest?“ Check! Und so weiter? Check!

Das macht Insurgent nun beileibe nicht zu einem schlechten Film. Jedoch wirkt er einfach wahnsinnig generisch. Natürlich kann nicht jeder Film das Rad neu erfinden. Aber wenn man seinen Film schon im Fahrwasser von Panem und Co. in die Kinos bringt, sollte man sich doch zumindest inszenatorisch etwas Besseres einfallen lassen, oder?

Insurgent-Still

Verschenktes Potential

Der Cast jedenfalls hätte dazu das Potential. Leider schafft es nur Shailene Woodley richtig abzuliefern und hat an einer Stelle des Films unter dem Einfluss einer Wahrheitsdroge sogar einen richtig starken Moment, als sie gezwungen wird zuzugeben, dass sie im ersten Teil ihren Freund Will erschießen musste. Auch Daniel Dae Kim ist überzeugend als Jack Kang, dem Anführer der Justiz-Kaste (Ich bin aber auch ein Fan von dem Knaben). Der Rest bleibt jedoch hinter seinen schauspielerischen Möglichkeiten zurück, beziehungsweise wird vom Drehbuch an der Entfaltung gehindert. So zeigt Kate Winslet wie schon im Vorgänger eine ausgesprochen uninspirierte Leistung und auch Naomi Watts und allen voran Ansel Elgort („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) bleiben blass. Potential -Ja, PS auf die Straße gebracht – Nein.

Eine Sache, die mich richtig gestört hat ist, dass dem Kinobesucher das Universum nicht gut erklärt wird. Zuschauer, die darüber hinaus auch die Bücher gelesen haben mögen mir verzeihen, aber warum nochmal verlassen die Menschen die Stadt nicht und leben da vor sich hin? Klar kann man sagen, dass das Kastensystem so gut funktioniert, dass sie gar kein Bedürfnis haben, sich mal draußen umzusehen. Aber diese Erklärung wird spätestens im Verlauf dieses Films äußerst brüchig. Und Leute: Selbst in Attack on Titan oder meinetwegen auch Game of Thrones konnten die Menschen ihrem Trieb nicht widerstehen und mussten mal hinter die Mauer gucken. Obwohl da nun wirklich klar war, dass einen dort nicht nur flauschige Häschen und Regenbögen erwarten. Und wer immer noch nicht an die Macht der menschlichen Neugier glaubt, der kann ja Adam und Eva mal fragen, wie Äpfel so schmecken…

insurgent_trailer_still

Optische Leckerbissen

Doch zurück zum Film: Das Drehbuch löst sich, wie in den Trailern schon zu sehen war, etwas von der Buchvorlage und bringt eine mysteriöse Box ins Spiel. Diese ist nur von Tris persönlich zu öffnen, indem sie alle Prüfungen einer jeden Kaste über sich ergehen lässt. Diese Computersimulationen, die man schon aus dem ersten Teil kennt, bilden die optische Speerspitze des Films. Zwar sind sie gefühlt gerade noch so in den Film reingezwängt worden, um den Schauwert zu erhöhen, aber diesen Job erfüllen sie auch. Manche mögen den ein oder anderen Showdown etwas überinszeniert finden und sich an den Kampf Neo vs. Agent Smith aus Marix III erinnert fühlen, aber rein technisch hat man hier ordentlich vom Leder gezogen. Das ausgedehnte Finale von Insurgent ist ein wahres Feuerwerk an Tricktechnik und wird Fans des Effektkinos durchaus zu erfreuen wissen.

Fazit: Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Als 26jähriger Mann bin ich nicht die Zielgruppe. Aber wäre ich halb so alt und doppelt so weiblich, hätte ich vermutlich ein Bild von Tris an der Wand und eines von Four im Portemonnaie.

Insurgent ist klassisches 2015-Popcornkino und wird jedem gefallen, der auch schon mit Divergent seinen Spaß hatte oder sich einfach mal berieseln lassen möchte. Den inoffiziellen Kampf um die Krone der Young-Adult-Dystopie-Filme hat meiner Meinung nach jedoch die Tribute von Panem für sich entschieden.

About author Alle Beiträge anzeigen

Ole Oetjen